Forschungsbereich

Tübingen im Nationalsozialismus

von Martin Ulmer & Benedict von Bremen

Tübingen war nach Einschätzung vieler - wenn auch nicht aller1 - Lokalhistoriker eine regionale Hochburg des Nationalsozialismus. Angehörige der Universität, der NSDAP und der Sicherheitsbehörden trugen maßgeblich zur Durchsetzung des nationalsozialistischen Regimes bei und beteiligten sich an dessen Verbrechen. Vom Blockwart bis zum NSDAP-Kreisleiter, von Profiteuren der Ausplünderung der Juden und der Zwangsarbeit bis zum "Rassenforscher", vom lokalen Polizeichef bis zum Einsatzgruppentäter zeigt sich ein breites Spektrum der Beteiligung von TübingerInnen im Nationalsozialismus.

Bereits vor 1933 herrschte in Stadt und Universität Tübingen eine nationalistische, völkische, antidemokratische und antisemitische Stimmung.2 Im bürgerlichen Tübingen lebten 1933 rund 20.000 Menschen. Schon 1932 erreichte die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) in Tübingen bei den Reichstagswahlen 40 Prozent.3 Bei der letzten "freien" Reichstagswahl 1933 stimmten 49,2 Prozent der TübingerInnen für die NSDAP und 12,8 Prozent für deren Koalitionspartner, die deutschnationale Kampffront Schwarz-Weiß-Rot (reichsweiter Durchschnitt: NSDAP 43,9 Prozent, Kampffront 8 Prozent).4 Wenige Tage später, am 9. März 1933, hissten Tübinger Nationalsozialisten zuerst am Rathaus und dann auf der Neuen Aula die Hakenkreuzflagge. Dies war ein sichtbares Symbol für den Beginn einer neuen Zeit: Mit der Besetzung dieser für Tübingen so wichtigen Gebäude übernahmen die Nationalsozialisten gleichsam Stadt und Universität.5

Hissung der Hakenkreuzfahne am Tübinger Rathaus am 9. März 1933. (Stadtarchiv Tübingen / Foto: Hugo Kocher)

Gleich im März 1933 verhaftete die Polizei sowie SA- und SS-Verbände 27 Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftler und inhaftierten sie im KZ Heuberg. Am 2. Mai wurde die Arbeiterbewegung zerschlagen. Im Zuge der "Gleichschaltung" verloren 27 demokratisch gewählte StadrätInnen ihre Mandate.6 Der nun mehrheitlich aus NSDAP-Stadträten bestehende Gemeinderat beschloss im Mai 1933 das erste Freibadverbot für "Juden und Fremdrassige" im Deutschen Reich. Oberbürgermeister Adolf Scheef, der seit 1927 amtierte und vor 1933 liberal eingestellt war, unterstützte bis zu seinem Ruhestand 1939 die Politik der Nationalsozialisten unter anderem mit Bauprojekten wie beispielsweise das "Haus der Jugend" (die heutige Jugendherberge) für die Hitlerjugend. Mit Ernst Weinmann wurde ein Nationalsozialist der ersten Stunde sein Nachfolger; 1947 wurde Weinmann als verurteilter Kriegsverbrecher in Belgrad hingerichtet.7

Bezeichnend ist die Rede des Universitätsrektors Hermann F. Hoffmann anlässlich der Amtseinsetzung Ernst Weinmanns am 28. Juli 1939: "Was würde es für die Stadt bedeuten, wenn die Universität nicht wäre? Die Eine ist ohne die Andere nicht zu denken. Kein Teil kann ohne den anderen existieren. Beide haben heute in Form und Struktur eine Einheit zu bilden und ihre Kräfte gemeinsam einzusetzen für Volk und Vaterland!"8

An der Eberhard Karls Universität Tübingen herrschte bereits ab Ende des 19. Jahrhunderts eine judenfeindliche Atmosphäre. Der Biologe Ernst Lehmann schrieb 1935: "Jüdische Professoren hat Tübingen, ohne viel Worte zu machen, stets von sich fern zu halten gewusst."9 Während der Weimarer Republik von 1919 bis 1933 gab es nur einen jüdischen Lehrstuhlinhaber, der Tübingen bereits 1931 verließ.10

Zahlreiche Professoren und Dozenten bekundeten nach der Machtübernahme 1933 ihre Treue zur neuen nationalsozialistischen Regierung. Am 9. März 1933 hissten Mitglieder des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) die Hakenkreuzfahne auf der Neuen Aula. Viele Lehrende und Studierende traten NS-Parteiorganisationen wie dem Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund (NSDDB) oder dem NSDStB bei. Angehörige der Universität trieben die "Gleichschaltung" der Hochschule im Sinne des Nationalsozialismus bereitwillig voran. Als der letzte jüdische Student 1935 die Universität Tübingen verließ, brüstete die Hochschule sich damit, "judenfrei" zu sein.11

Mehr als ein Dutzend SS-Kriegsverbrecher hatten sich dem vorwiegend deutschnational und völkisch-antisemitisch geprägten akademischen Milieu der Universitätsstadt als Studenten politisiert und machten später Karriere in den Verwaltungs-, Partei- und Polizeistellen des nationalsozialistischen Deutschland. Sie waren an Verbrechen bis hin zur Leitung von Erschießungskommandos der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS beteiligt.12

Ein zentrales Konzept des Nationalsozialismus war die "deutsche Volksgemeinschaft".13 Sie schloss die Mehrheit der "deutsch-arischen" Menschen durch Inszenierungen, Erziehung und Wohltaten ein und schloss zugleich Andersdenkende, Juden, Roma und Sinti, Ausländer, geistig und psychisch kranke Menschen, Homosexuelle und "Asoziale" durch Ausgrenzung und Terror aus. Die NSDAP inszenierte die "Volksgemeinschaft" in Tübingen zum Beispiel mit zahlreichen Feiern wie dem 1. Mai, den Erntedank-Umzügen und Heldengedenktagen. Marschkolonnen der SA, Wehrmacht und der Hitlerjugend und Hakenkreuz-Fahnen prägten das Tübinger Stadtbild. Die Mitglieder der Volksgemeinschaft profitierten von der NS-Wohlfahrt, z.B. den Spenden aus dem Winterhilfswerk und durch die "Kraft durch Freude"-Reisen. Viele Menschen machten begeistert mit, wie aus Interviews von Tübinger Bürgerinnen und Bürgern und zeitgenössischen Fotos bekannt ist. Neben der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel war auch der NS-Lehrerbund an der Indoktrination junger Menschen beteiligt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörten Tübinger Nationalsozialisten die Synagoge in der Gartenstraße 33.14 1942 wurden fast alle noch in Tübingen lebenden Juden in die Todeslager im Osten deportiert.15 Zuvor mussten über 80 jüdische Bürgerinnen und Bürger vor dem NS-Terror ins Ausland fliehen.

Während des Krieges mussten mindestens 1700 Zivilisten und Kriegsgefangene in der Stadtverwaltung, an der Universität, in Rüstungsbetrieben, auf dem Güterbahnhof und in der Landwirtschaft Zwangsarbeit leisten.16 Zwischen 1933 und 1945 wurden rund 1.000 Personen im Gräberfeld X des Stadtfriedhofs bestattet. Viele von ihnen waren Opfer des Nationalsozialismus, die wegen ihrer politischen Einstellung, als Widerständler, als Zwangs- oder als Kriegsgefangene hingerichtet wurden.17 Mediziner an der Universitätskliniken hatten zwischen 1934 und 1944 1.100 Männer, Frauen und Jugendliche, die im Sinne der Rassenhygiene als "erbkrank" eingeordnet worden sind, unfruchtbar gemacht.18 Psychische Kranke und geistig behinderte Menschen – auch aus Tübingen – wurden im Zuge der NS-Euthanasieaktion in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb ermordet.

Tübingen blieb im Gegensatz zu vielen anderen Städten in Deutschland von Kriegseinwirkungen durch Bomben weitgehend verschont. Am 19. April 1945 besetzten französische Truppen die Universitätsstadt.19 Die völkische Zustimmungsdiktatur und ihre beispiellosen Verbrechen waren zwar zu Ende, doch die personellen und mentalen Kontinuitäten wirkten weiter,20 wie zahlreiche der hier vorgestellten Biografien bezeugen.

Einzelnachweise

Mehr
  1. Siehe beispielsweise Hans-Joachim Lang, "Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus", in: Ernst Seidel (Hg.), Forschung – Lehre – Unrecht. Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, Tübingen 2015, S. 33-51, hier insbesondere S. 33f.
  2. Ulmer, Martin, "Antisemitismus in der Weimarer Republik", in: Geschichtswerkstatt Tübingen (Hg.), Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden, Stuttgart 1995, S. 81-120.
  3. Schönhagen, Benigna, Tübingen unterm Hakenkreuz. Eine Universitätsstadt in der Zeit des Nationalsozialismus, Stuttgart 1991, S. 64. In der Dissertation von Benigna Schönhagen heißt es dort: "Seither lag der NS-Stimmenanteil in Tübingen immer über dem Landes- und Reichsdurchschnitt."
  4. Schönhagen 1991, S. 107.
  5. Zu Tübingen im Nationalsozialismus siehe insbesondere Schönhagen 1991 und Schönhagen, Benigna (Hg.), Nationalsozialismus in Tübingen. Vorbei und Vergessen. Katalog zur Ausstellung, Tübingen 1992; zur Universität siehe insbesondere Wiesing, Urban / Brintzinger, Klaus-Reiner / Grün, Bernd / Junginger, Horst / Michl, Susanne (Hg.), Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, Stuttgart 2010.
  6. Geschichtswerkstatt Tübingen (Hg.), Zerstörte Demokratie. Zwangsweise ausgeschiedene Tübinger Stadträte 1933. Eine Dokumentation, Tübingen 2013.
  7. Lang, Hans-Joachim, "Ernst Weinmann: Tübinger Oberbürgermeister und Belgrader Deportationsminister", in: Schönhagen, Benigna (Hg.), Nationalsozialismus in Tübingen – vorbei und vergessen. Katalog der Ausstellung, Tübingen 1992, S. 208-222.
  8. Stadtarchiv Tübingen A200/1135, Personalakte Ernst Weinmann.
  9. Zitiert in: Poliakov, León /Wulf, Joseph, Das Dritte Reich und seine Denker, Gütersloh 1959, S. 421, zitiert in: Adam, Uwe Dietrich, Hochschule und Nationalsozialismus: Die Universität Tübingen im Dritten Reich, Tübingen 1977, S. 30.
  10. Lang, Hans-Joachim, "Jüdische Lehrende und Studierende in Tübingen als Opfer des Nationalsozialismus", in: Wiesing, Urban / Brintzinger, Klaus-Reiner / Grün, Bernd / Junginger, Horst / Michl, Susanne (Hg.), Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, Stuttgart 2010, S. 609-628, hier S. 609.
  11. Zitiert in: Friedmann, Jan, "Bei der antisemitischen Hetze ganz vorn", in: Der Spiegel Online 19.01.2006 <spiegel.de/lebenundlernen/uni/unis-in-der-ns-zeit-bei-der-antisemitischen-hetze-ganz-vorn-a-395106.html> (letzter Zugriff: 17.11.2020).
  12. Junginger, Horst, "Tübinger Exekutoren der Endlösung. Effiziente Massenmörder an vorderster Front der SS-Einsatzgruppen und des Sicherheitsdienstes" <ns-akteure-in-tuebingen.de/homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/exekutoren.pdf> (letzter Zugriff 28.04.2020); Wildt, Michael, "Von der Universität ins Reichssicherheitshauptamt. Tübinger Exekutoren der 'Endlösung'", in: Wiesing, Urban / Brintzinger, Klaus Rainer / Grün, Bernd / Junginger, Horst / Michl, Susanne (Hg.), Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, Stuttgart 2010, S. 791-807; Wildt, Michael, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2003.
  13. Siehe beispielsweise Wildt, Michael, "'Volksgemeinschaft'", in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 314 (2012) <bpb.de/izpb/137211/volksgemeinschaft> (letzter Zugriff: 22.11.2020).
  14. Ulmer, Martin, "Radikaler Judenhaß. Zur nationalsozialistischen Judenpolitik in Tübingen, in: Geschichtswerkstatt Tübingen (Hg.), Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden, Stuttgart 1995, S. 99-120, hier S. 115-117.
  15. Brammer, Annegret H., "'Die Züge fahren pünktlich ...' Deportationen in die Todeslager'", in: Geschichtswerkstatt Tübingen (Hg.), Zerstörte Hoffnungen. Wege der Tübinger Juden, Stuttgart 1995, S. 383-396.
  16. Arbeitskreis Geschichtspfad, "Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen", in: Geschichtspfad zum Nationalsozialismus <tuebingen.de/19.html> (letzter Zugriff: 30.10.2020).
  17. Schönhagen, Benigna, Das Gräberfeld X. Eine Dokumentation über NS-Opfer auf dem Tübinger Stadtfriedhof, Tübingen 1987 <tuebingen.de/Dateien/Graeberfeld_X.pdf> (letzter Zugriff: 22.11.2020).
  18. Arbeitskreis "Universität Tübingen im Nationalsozialismus", Bericht des Arbeitskreises "Universität Tübingen im Nationalsozialismus" zum Thema Zwangsarbeit an der Universität Tübingen im Zweiten Weltkrieg <uni-tuebingen.de/universitaet/profil/geschichte-der-universitaet/aufarbeitung-ns-zeit> (letzter Zugriff: 18.11.2020).
  19. Sannwald, Wolfang, Einmarsch - Umsturz - Befreiung? Das Kriegsende im Landkreis Tübingen. Frühjahr 1945, Tübingen 1995; Rauch, Udo / Zacharias, Antje (Hg.), Sieben Jahre Landeshauptstadt: Tübingen und Württemberg-Hohenzollern 1945 bis 1952, Tübingen 2002.
  20. Binder, Hans-Otto / Ulmer, Martin / Rathe, Daniela / Röck, Uta (Hg), Vom braunen Hemd zur weißen Weste? Vom Umgang mit der Vergangenheit in Tübingen nach 1945, Tübingen 2011.