Langbiografie
Eduard Haber
Eduard Haber – Rassentrennung und Rassentreue
- Name
- Eduard Haber
- Rollen & Ämter
- Ehem. Gouverneur von Deutsch-Neuguinea und Dozent für Kolonialwirtschaft an der Universität Tübingen, der NS-Ideologie mit kolonialrevisionistischen Ideen verknüpfte.
- Geburtstag
- 01.10.1866
- Geburtsort
- Schleiden/Eifel
- Todestag
- 14.01.1947
- Todesort
- Tübingen-Lustnau
Mit welchen Namen eine Stadt ihre Straßen schmückt, wird seit einigen Jahren verstärkt wieder diskutiert. Als im Jahr 2020 die Tübinger Gemeinderatsfraktion Die Fraktion in einem Antrag die Umbenennung von Straßennamen forderte, kam eine lebhafte öffentliche Debatte in Gang, in deren Folge weitere Straßennamen zur Disposition gestellt wurden. Denn so manche Namensgeber von Tübinger Straßennamen hatten eine kolonialistische und/oder nationalsozialistische Vergangenheit, eine antisemitische Einstellung oder genügten aus anderen Gründen nicht den ethischen Maßstäben einer demokratischen Gesellschaft. Eine von der Stadt Tübingen eingesetzte Kommission untersuchte 18 Biografien von kritischen Namensgebern, darunter auch die von Eduard Haber. Im Januar 2023 legte die Kommission ihren Bericht vor. Folge: Der Gemeinderat beschloss am 28. September 2023, die Umbenennung der Eduard-Haber-Straße, am 18. Dezember des gleichen Jahres 2023 die Neubenennung nach Felicia Langer in Felicia-Langer-Straße.1
Eduard Habers Karriere als Kolonialbeamter
Wer aber war Eduard Haber, dem die Stadt Tübingen 1936 eine Straße widmete und die sie 87 Jahre später umbenannte? Eduard Haber2 wurde am 1. Oktober 1866 im Kreis Schleiden/Eifel geboren.3 Nach dem Abitur studierte er in Bonn und Aachen Berg- und Naturwissenschaften. Während seiner Arbeit im Bergbau verlor er durch einen Unfall ein Auge, die Bergwerkstätigkeit war ihm damit verbaut. Nach Reisen durch Mexiko und Peru und der zweiten Staatsprüfung im Bergfach 1893 wurde er Königlich-Preußischer Bergassessor, anschließend hatte er einen Lehrauftrag für Verwaltungsrecht und Statistik an der Königlich-Preußischen Bergakademie in Berlin.4
Von 1896 bis 1900 reiste Haber im Auftrag der Deutschen Bank als Gutachter für Mineralölvorkommen nach Australien, Tasmanien, Neuseeland, Kanada und in die USA. 1901 trat er in den Reichskolonialdienst ein, war Referent für Bergwesen in Deutsch-Ostafrika. Als erster Referent beim Gouverneur wurde ihm die Förderung deutscher Bergwerksunternehmen bei der Erschließung von Lagerstätten übertragen.5 Nach einer sechsmonatigen Vertretung des Gouverneurs wurde er 1907 zum Vortragenden Rat beim Reichskolonialamt in Berlin bestellt. Aufgabe: Förderung der deutschen Bergwerksunternehmen in den Kolonien.6
Nach einer abermaligen Lehrtätigkeit an der Berliner Bergakademie entsandte das Reich Haber nach Deutsch-Neuguinea und beauftragte ihn mit der Verwaltung der Kolonie. Von August bis September 1914 hatte er die oberste Militärgewalt inne, organisierte die Verteidigung gegen eine australische Flotte, musste aber kapitulieren. Er handelte Freigeleitscheine für alle deutschen Beamten aus.7
Nach Deutschland zurückgekehrt war Haber im Reichskolonialamt tätig, wurde 1917 offiziell zum Gouverneur von Deutsch-Neuguinea ernannt, war Mitglied der deutschen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Versailles, hatte 1919 den Oberbefehl über ein Freikorps in Berlin-Halensee. 1923 ging er in Pension, nahm einen Lehrauftrag an der Bergakademie in Clausthal an und kam etwa 1928 nach Tübingen. Verheiratet war er in zweiter Ehe mit Antoinette Gründgens, einer Tante des Schauspielers Gustav Gründgens.8
Kolonialwissenschaften und das kolonialrevisionistische Milieu in Tübingen zur Zeit der Weimarer Republik
Eduard Haber kam 1928 als Pensionär nach Tübingen, vermutlich, um gesundheitliche Probleme im Tropeninstitut zu kurieren, wie Helmut Marcon und Heinrich Strecker in ihrer Kurzbiografie über Haber schreiben.9 Der damals Anfang 60-Jährige fand in Tübingen ein auch vom Bildungsbürgertum geschürtes nationalistisches, antisemitisches, militaristisches und antidemokratisches Klima vor. Dem Kaiser- und Bismarckreich wurde gehuldigt, ein starkes Deutschland beschworen, die Revision des Versailler „Schandvertrags“ gefordert. Die Weimarer Republik hatte im stark nationalkonservativen Tübingen wenig Rückhalt, Stadt und Universität waren bei Habers Ankunft bereits auf gutem Wege in den NS-Staat.10
Habers berufliche Vergangenheit als hoher Kolonialbeamter in Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Neuguinea stieß in der Universitätsstadt auf großes Interesse. Da gab es nicht nur den Verein Deutscher Studierender Kolonisten, auch die Deutsche Kolonialgesellschaft hatte eine Ortsgruppe.11 Ihr Vorsitzender war Carl Uhlig12 , Stellvertreter Constantin Ritter13 , Gymnasialprofessor mit Lehrauftrag am Philosophischen Seminar. Haber und Uhlig hatten einen gemeinsamen biografischen Hintergrund: Beide waren in unterschiedlichen Positionen von 1901 bis 1906 in Deutsch-Ostafrika. Als Uhlig 1910 Tübinger Geographie-Professor wurde, galt er als ausgewiesener „Kolonialdeutscher“, der nicht nur die nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Kolonien zurückhaben wollte, sondern sich auch mehr Ellenbogenfreiheit für das Deutschtum wünschte.
Mit Warhold Drascher lehrte an der Tübinger Universität ein weiterer Kolonialwissenschaftler. Nun kam auch noch Eduard Haber hinzu. Den Ex-Gouverneur von Deutsch-Neuguinea schlug die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät im November 1928 zum beauftragten Dozenten für Internationale Kolonialpolitik und -recht sowie für Internationale Rohstoffwirtschaft vor. Sein vierstündiger Vorlesungsauftrag begann jedoch erst im Sommersemester 1930.14
Haber las etwa über „Grundzüge des Kolonialrechts und internationale Kolonialpolitik“, über das britische und französische Kolonialreich, die internationale Rohstoffwirtschaft. Auch bestritt er geopolitische Kolloquien zusammen mit Uhlig und Drascher und thematisierte 1940 im 2. Trimester die „Kriegswirtschaft“. Zwar habe Haber laut Uni-Rektor Hermann Hoffmann keine Mühe gescheut, den Kolonialgedanken zu fördern, allein der Besuch der Vorlesungen und Übungen sei „zeitweise schwach“ gewesen.15 Das habe an der Überlastung der Studierenden gelegen, so Hoffmann, zumal die Vorlesungen freiwillig waren. Etwas später dachte die Uni sogar daran, die Vorlesungen den Studierenden unentgeltlich anzubieten, weil sie Bedenken hatte, dass sie sonst nicht zustande kommen würden. Denn: Die Vorlesungen seien ein „wesentlicher Teil der politischen Schulung“, wie Uni-Rektor Karl Fezer formulierte. Das studentische Interesse wurde jedoch geringer: Im zweiten Kriegsjahr September 1941 hatte sich nur eine Studentin gemeldet, die Vorlesung fiel aus.16
Haber mischte aber auch schon vor 1933 und außerhalb der Universität mit und propagierte seine kolonialrevisionistischen Forderungen. Während der Stuttgarter Kolonialwoche Anfang Juni 1928 (mit großem Festzug, Schutztruppenreitern, Musikkapellen sowie Vorstands- und Hauptversammlungen der Deutschen Kolonialgesellschaft und des Kolonialen Frauenbundes), bei der auch der Tübinger Schlosshof eingebunden wurde, forderte Haber das Kolonialreich zurück, um die Rohstoffe zu sichern.17 Am 21. Mai 1931 bot der Hof der neuen Tübinger Aula laut Tübinger Chronik „einen prächtigen Anblick“.18 Die Studenten hatten nämlich zur Kolonialkundgebung (der zweiten nach 1924) gerufen, der Süddeutsche Rundfunk stellte die Lautsprecher zur Verfügung. Nach Fanfarenklängen, der Begrüßung durch den ASTA-Vorsitzenden Jasper Wilhelm Gottschalk war Haber „Redner des Tages“.19
Er wies in dieser Rede auf die „Dringlichkeit der Kolonialfrage“ hin. Ein „Kulturvolk wie das deutsche“ habe durch die Jahrhunderte bei der Entwicklung der Zivilisation führend mitgewirkt, habe „stets willig fremden Stämmen und Rassen“ seine geistigen Errungenschaften mitgeteilt. Kolonien seien wichtig für Deutschland, so Haber, aus wirtschaftlichen Gründen forderte er die „Zufuhr von Rohstoffen und Lebensmitteln“ und den Absatz der industriellen Fertigwaren dorthin.20 Haber klagte zudem über hohe Reparationszahlungen durch den Versailler Vertrag, auch darüber, dass Deutschland ausländische Zahlungsmittel brauche, um Rohstoffe, Genuss- und Nahrungsmittel aus Übersee zu kaufen. Einziger Ausweg sei die „Wiedereröffnung überseeischer Gebiete“. Von dem Zeitpunkt an, an dem Deutschlands Söhne wieder unter der nationalen Flagge sich in Übersee betätigen können (kulturell und wirtschaftlich), werde im deutschen Volke das alte Selbstvertrauen und das alte Selbstbewusstsein wieder einkehren, war sich Haber sicher – „wird der Grund gelegt werden zur erneuten Weltgeltung Deutschlands“.21
Eduard Haber und der Nationalsozialismus
Dieser mochte Haber wohl etwas auf die Sprünge helfen. Im November 1932 fasste er dazu zwei Entschlüsse: Er wurde Mitglied im Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK, Mitgliedsnummer: 7.415)22 , baute als Ober-Truppführer die Tübinger Motorstaffel V/55 mit auf und unterzeichnete am 5. November den Aufruf „Deutsche Hochschullehrer für Hitler“ 23 . Nur in der Machtübernahme Adolf Hitlers und der NSDAP sahen die 56 Unterzeichner (darunter sieben Tübinger Hochschullehrer) 24 die Möglichkeit, der wachsenden Not und Verelendung des deutschen Volkes Einhalt zu gebieten.
Nur gut drei Monate später, am 4. März 1933, setzte Haber seinen Namen auch unter einen Wahlaufruf für die NSDAP. Darin erklärten 300 Hochschullehrer (darunter acht aus Tübingen)25 , dass sie in der Machtübernahme Adolf Hitlers und dem Zusammenschluss der nationalen Kräfte […] den richtigen Weg sehen, der ungeheuren Not und Verelendung des deutschen Volkes Einhalt zu gebieten. Die Unterzeichner wandten sich „gegen die marxistisch-bolschewistischen Einflüsse auf den Geist unseres Volkes“ und traten für die „Gesundung unseres gesamten öffentlichen Lebens und damit die Rettung und den Wiederaufstieg Deutschlands“ ein.26
Neben seiner Lehrtätigkeit, der Aufbauarbeit für den NSKK und der regen Vortragstätigkeit in Tübingen, Stuttgart, Göppingen, Heidelberg, Heilbronn, Sigmaringen und Ravensburg blieb dem umtriebigen Ex-Gouverneur auch noch Zeit, kleinere Aufsätze und Artikel zu schreiben, etwa für die Württembergische Studentenzeitung.27 Den Verlust von Kolonien am Ende des Ersten Weltkriegs führte Haber auf „den Umsturz und die militärische Revolte im Innern“ zurück, schreibt er im Artikel „Die Verteidigung der Kolonien“ in der Württembergischen Studentenzeitung28 und zeigt sich damit als Anhänger der „Dolchstoßlegende“. „Möge es der Regierung des dritten Reiches gelingen, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen“, hofft er am Schluss des Artikels.29
Auf einen guten Ausgang hoffte er auch am 15. Dezember 1933. Haber diskutierte (nachdem die Deutschen dem Austritt aus dem Völkerbund zugestimmt hatten) das Verhältnis Deutschlands zu Frankreich und Großbritannien, er schließt mit den Worten: „Möge es dem Genie des Führers gelingen, seine weitausschauenden Pläne zu einem guten Ende zu bringen“.30 Vielleicht hatte sich Haber von Hitlers anfänglicher Friedensrhetorik („Friedensrede“, 17. Mai 1933) täuschen lassen, in der der „Führer“ auch auf Frankreich und Großbritannien zugehen wollte. Doch: Musste er dafür unbedingt „das Genie des Führers“.31 bemühen?
Seine grundsätzlichen Einstellungen zu den Völkern der Kolonien finden sich in einem kleinen Aufsatz vom April 1937 in der Zeitschrift Der Biologe.32 Herausgeber war der Tübinger Biologe und Botaniker Ernst Lehmann. Von ihm sind antisemitische Auslassungen überliefert, er gehörte dem völkisch-nationalistischen Spektrum an. Lehmann setzte sich für eine „deutsche Biologie“ ein, wollte sie zur Grundlage nationalsozialistischen Denkens machen. Da passte Haber thematisch rein. In seinem Aufsatz „Rasse und Kolonisation“ tritt Haber für „Rassentrennung“ und „Rassentreue“ in den Kolonien ein.33 Denn „nur die reine farbige Rasse erkennt auf die Dauer die Überlegenheit der natürlichen Eigenschaften der weißen Stämme und deren Führerqualitäten an“, so Haber.34 Dort, wo sich „Rassen“ vermischt haben, haben sich die „Mischlingsvölker“ mit den Farbigen verbunden und den Einfluss der Westeuropäer gebrochen. Die „Urbewohner“ seien aber als Arbeitskräfte wichtig, daher sollten sie nicht einfach beseitigt werden. Man müsse ein Nebeneinanderwohnen hinbekommen, wie in Nord- oder Südafrika.35 So trat er für die Schaffung von „Eingeborenenreservaten" ein, wobei die „weißen Siedler" jedoch unter sich bleiben sollten. Eine wie auch immer geartete Einwirkung auf die politische Willensbildung bzw. Machtbeteiligung könne „den Farbigen“ unter keinen Umständen eingeräumt werden.36
Mit „Der Antisemitismus und Großbritannien“ ist ein weiterer Artikel Habers in der Württembergischen Studentenzeitung überschrieben.37 Vermeintlich eine übersetzte Zusammenfassung des Beitrags „The wondering jew“ aus dem Economist vom 10. Juni 193338 – „eine alte, auf liberalem Boden stehende, vorzüglich redigierte Londoner Finanzzeitschrift“, wie Haber schreibt. So verleiht er seiner „Übersetzung“ einen neutralen Anstrich.39 Der englische Artikel „The wondering jew“ vom 10. Juni 1933 – auf den sich Haber stützt – beschreibt den wachsenden Antisemitismus in Europa, besonders in Deutschland, bis zum Beginn des Jahres 1933. Der Artikel warnt davor, dass sich diese Situation vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise weiter verschlechtern könnte. Doch Haber verkürzt, zieht Passagen zusammen, die im englischen Artikel nicht zusammenstehen, lässt wichtige Passagen weg. Er gebraucht die im NS-Deutschland gängigen antisemitischen Feindbilder vom „wandernden Juden“ mit seinem „zersetzenden Geist“, die im Original-Artikel nicht vorkommen. Haber verunglimpft, wo die englische Version neutral bleibt, und untertreibt, wenn der englische Artikel die prekäre Situation der Juden in Europa drastisch schildert.40
Und Haber übersetzt falsch, wenn er den wirtschaftlichen Niedergang mit Arbeitslosigkeit und Verelendung großer Teile der Bevölkerung beschreibt: „Der Jude“, so Haber, habe sich davon bislang freigehalten. In der englischen Variante heißt es, die Juden sind dieser Gefahr besonders ausgesetzt. So verfälscht Haber den englischsprachigen Artikel, bagatellisiert die Bedrohung für die Juden (Haber hatte 1914 auf Deutsch-Neuguinea schwierige Kapitulationsverhandlungen mit australischen Truppen geführt; es ist nicht anzunehmen, dass der Ex-Gouverneur der englischen Sprache nicht mächtig war). Er manipuliert die Leser bewusst, verbreitet antisemitische Motive.
Der NSDAP und der gleichgeschalteten Universität mochte das recht sein. Zu Habers 70. Geburtstag 1936 (zum 75. Geburtstag gabs immerhin noch „prachtvolle Rosen“, für die sich Haber bedankte) verlängerte die Uni den Lehrauftrag. Denn „Herr Gouverneur Haber ist politisch, weltanschaulich und charakterlich restlos einwandfrei“41 , wie der Tübinger Dozentenschaftsführer Walter Schwenk am 28. Juli 1937 formulierte und damit die Verlängerung befürwortete, obwohl Haber die Altersgrenze überschritten hatte. Die Tübinger Chronik würdigte Haber, weil er zu denjenigen gehört habe, „die früh die Bedeutung des Nationalsozialismus für die Rettung Deutschlands erkannten“.42 Heute sei er „der pflichtgetreueste Mitarbeiter im Stabe der Motorstaffel V/55 des NSKK“.43 Damit nicht genug: Die Verleihung der Ehrendoktorwürde sollte beantragt werden. Denn Haber erfreue sich allgemeiner Wertschätzung und stehe insbesondere auch bei der Partei in hohem Ansehen. Trotz seines hohen Alters sei er ein sehr aktives und stets hilfsbereites Mitglied. Weil jedoch wissenschaftliche Publikationen fehlten, gab’s nur den „Ehrensenator“.44
Da mochte auch der Tübinger Oberbürgermeister Adolf Scheef nicht zurückstehen: Er schlug zum 70. Geburtstag vor, eine Straße in Lustnau nach Eduard Haber zu benennen, „zu Ehren (…) eines Kolonialvorkämpfers und eines Vorkämpfers für die nationale Erhebung, der heute noch in vorderster Front Dienst für Volk und Vaterland leistet“, wie es im Protokoll der Stadt Tübingen vom 29. September 1936 heißt.45 NSDAP-Ortsgruppenleiter Karl Schwab und NSDAP-Kreisleiter Helmut Baumert stimmten zu. Zum 1. Mai 1937 trat Haber in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer: 4.572.527; ebenso seine Ehefrau Antoinette; von einem Austritt schreibt er auf dem Entnazifizierungsfragebogen nichts), in der Reichsdozentenschaft wurde er Vertrauensmann.46
Nach dem Zweiten Weltkrieg dankte Uni-Rektor Hermann Schneider dem Ex-Gouverneur für dessen sehr wertvolle Bereicherung des Lehrplans. Doch die „veränderten Verhältnisse“ zwingen leider auch zur Revision der Lehraufträge. Die Entnazifizierungskommission setzte in ihrem Urteil im Dezember 1946 zunächst eine Herabsetzung der Versorgungsbezüge fest.47 Begründung: Er war als Beamter a.D. seit 1. Mai 1937 Mitglied der NSDAP. Haber starb am 14. Januar 1947, am 5. November des gleichen Jahres beschloss der Staatskommissar für die politische Säuberung „keine Herabsetzung der Versorgungsbezüge“.48
1990 gab es in Tübingen schon einmal Bestrebungen, die Eduard-Haber-Straße umzubenennen. Doch der Versuch verlief im Sande, nachdem eine Leserbriefschreiberin im Schwäbischen Tagblatt behauptet hatte, Haber habe nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten „mit zunehmender Schärfe“ erkannt, dass er einem verhängnisvollen Irrtum erlegen sei. Daher sei er „noch vor Ausbruch des Krieges aus der NSDAP“ ausgetreten.49 In der Entnazifizierungsakte gibt es jedoch auf einen Parteisautritt Habers keine Hinweise. Hätte Haber ihn vollzogen, wäre es ihm sicherlich eine Notiz wert gewesen.50
Einzelnachweise
- Universitätsstadt Tübingen 2023. ↩
- Dieser Artikel hat als Grundlage die vom gleichen Autor verfasste Sonderseite, die im Schwäbischen Tagblatt am 04.12.2021 erschienen ist (Hantke 2021). Für das Online-Rechercheprojekt NS-Akteure in Tübingen wurde er erweitert und mit Anmerkungen versehen. ↩
- Vgl. Marcon und Strecker 2004, S. 537 ff. sowie Universitätsarchiv Tübingen (UAT): 126/234, Personalakte Eduard Haber. ↩
- Ebd. ↩
- In die Zeit des Aufenthalts von Haber fällt der Maji-Maji-Aufstand oder auch Maji-Maji-Krieg (1905–1907), den ein Teil der ostafrikanischen Bevölkerung gegen die deutschen Kolonisatoren führte (nahezu zeitgleich mit der Niederschlagung der Aufstände und des Völkermords an den Herero und Nama von 1904–1908 durch die deutsche Kolonialmacht). Die Angaben über die Zahl der Toten auf ostafrikanischer Seite schwanken zwischen 75.000 und 300.000. Laut der Deutschen Kolonialzeitung gehörte Haber zu einer mehrköpfigen Untersuchungskommission, die sich über die Ursachen des Aufstandes bzw. des Krieges informieren sollte. Vgl. Deutsche Kolonialzeitung, 20.01.1906, Nr. 3, S. 26. ↩
- Vgl. Marcon und Strecker 2004, S. 537 ff. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd., S. 539 ↩
- Vgl. Schönhagen 1990, S. 44 ff. ↩
- Susanne Heyn hat den Kolonialrevisionismus und seine Kritikerinnen und Kritiker in der Weimarer Republik in einem Aufsatz kurz zusammengefasst (Heyn 2009). ↩
- Carl Uhlig war von 1910 bis 1937 Professor für Geographie an der Tübinger Universität, 1926/27 deren Rektor. Die Deutsche Kolonialgesellschaft wandte sich in einem Aufruf vom 30.01.1919 gegen den „Raub der deutschen Kolonien“. Das Recht auf Kolonien wurde am Beginn der Weimarer Republik auch mit der bedrückenden Not der deutschen Bevölkerung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg begründet. Die Deutschen sollten zu „erschwinglichen Preisen“ koloniale Erzeugnisse erhalten, die für ausreichende Ernährung, Kleidung und für eine lohnende Beschäftigung der deutschen Arbeitnehmer unentbehrlich seien, heißt es in dem Aufruf zur Unterschriftensammlung. Vgl. die Anzeige zur Veranstaltung im Tübinger Museum, Tübinger Chronik, 05.02.1919. ↩
- Auch Constantin Ritter unterzeichnete den Aufruf vom 30.01.1919. Zu diesem Zeitpunkt war der „Raub der deutschen Kolonien“ jedoch ein überparteiliches Thema. Dagegen wandten sich etwa auch die Württembergische Zentrumspartei, die Deutsche Demokratische Partei und die Sozialdemokratische Partei. So setzten auch der liberale Rechtsanwalt Simon Hayum, den die Nationalsozialisten wegen seines jüdischen Glaubens 1939 in die Flucht trieben, und der spätere Oberbürgermeister von Tübingen Adolf Scheef ihre Unterschriften unter den Aufruf. Constantin Ritter unterzeichnete aber auch 14 Jahre später die „Erklärung vom 1. März 1933“, dass er auf dem Boden der Kundgebung der derzeitigen Reichsregierung vom 2. Februar des Jahres stehe. Noch mit 74 Jahren wurde Constantin Ritter am 05.11.1933 Mitglied von Stahlhelm und der Nachfolgeorganisation, dem Nationalsozialistischen Deutschen Frontkämpferbund. Vgl. Ebd. sowie Hantke 2015, S. 265. ↩
- UAT: 126/234, Personalakte Eduard Haber. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- Vgl. Gräbel 2020 ↩
- Die Zeitung berichtete am Tag darauf ausführlich: Tübinger Chronik vom 22.05.1931. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- Staatsarchiv Sigmaringen (StAS): Wü 13 T 2 Nr. 2089/149, Entnazifizierungsakte Eduard Haber. ↩
- Vgl. Völkischer Beobachter vom 04.03.1933. ↩
- Neben Haber unterzeichneten den Aufruf der Historiker Heinrich Dannenbauer, der Volkswirtschaftler Oswald Lehnich (Privatdozent), der Physiologe Rupprecht Matthaei, der Urgeschichtler Hans Reinerth (Privatdozent), der Kirchenhistoriker Ernst Stracke sowie der Chirurg und spätere Direktor der Tübinger Chirurgie Willy Usadel. Vgl. Hantke 2015, S. 31. ↩
- Außer Haber unterschrieben die Dozenten Kurt Borries, Hans Reinerth, Willy Usadel, Gustav Bebermeyer, Heinrich Dannenbauer, Oswald Lehnich und Ernst Stracke. Vgl. Besenfelder 2002, S. 45. ↩
- Ebd. ↩
- Haber 1933. ↩
- Ebd. S. 2 ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- Haber 1937. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- Haber 1935. ↩
- o.A. 1933. ↩
- Haber 1935. ↩
- Ebd. ↩
- UAT 126/234: Personalakte Eduard Haber: Schreiben Walter Schwenk vom 28.07.1937. ↩
- o.A. 1936. Artikel ist enthalten in: Stadtarchiv Tübingen (SAT): A150/3275: Benennung der Eduard-Haber-Straße. ↩
- Ebd. ↩
- Ebd. ↩
- SAT: A150/3275: Benennung der Eduard-Haber-Straße. ↩
- StAS: Wü 13 T 2 Nr. 2089/149, Entnazifizierungsakte Eduard Haber. ↩
- StAS: Wü 13 T 2 Nr. 2089/149, Entnazifizierungsakte Eduard Haber: Schreiben Rektor Hermann Schneider an Eduard Haber vom 19.07.1945. ↩
- Ebd. ↩
- Schwäbisches Tagblatt vom 26.09.1990. ↩
- StAS: Wü 13 T 2 Nr. 2089/149, Entnazifizierungsakte Eduard Haber. ↩
Publikationen
Besenfelder, Sabine, Staatsnotwendige Wissenschaft: Die Tübinger Volkskunde in den 1930er und 1940er Jahren, Tübingen 2002.
Daniels, Mario, „Auslandskunde an der Universität Tübingen 1918 – 1945“, in: Wiesing, Urban / Brintzinger, Klaus-Rainer / Grün, Bernd / Junginger, Horst / Michl, Susanne (Hg.), Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, Stuttgart 2010, S. 351–384.
Gräbel, Carsten, „Tübingen und die Stuttgarter Kolonialwoche 1928“, in: Historischer Augenblick, Blog des Instituts für Geschichtsdidaktik und Public History der Eberhard Karls Universität Tübingen vom 28.01.2020, https://www.historischer-augenblick.de/kolonialwoche1928/ (letzter Zugriff: 24.11.2025).
Haber, Eduard, „Der Antisemitismus und Großbritannien“, in: Württembergische Studentenzeitung, Ausgabe zum Wintersemester 1935/36, Nr. 87.
Haber, Eduard, „Die Verteidigung der Kolonien“, in: Württembergische Studentenzeitung, Ausgabe zum Wintersemester 1933/34 vom 15.12.1933, Nr. 64.
Haber, Eduard, „Rasse und Kolonisation“, in: Der Biologe, 4, 1937, S. 106–109.
Hantke, Manfred, „Eduard Haber: Ein „Kolonialrassist“ im Dienst der Nazis“, in: Schwäbisches Tagblatt vom 04.12.2021. https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Rassentrennung-und-Rassentreue-527124.html (letzter Zugriff 24.11.2025).
Hantke, Manfred, Geistesdämmerung. Das philosophische Seminar an der Eberhard-Karls-Universität 1918–1945. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Philosophie in der Philosophischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen, 2015, https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/63403/Geistesdaemmerung%20Tobias%20LibPDFA.pdf?sequence=1&isAllowed=y (letzter Zugriff: 24.11.2023).
Heyn, Susanne, „Deutsche Missionen. Der Kolonialrevisionismus und seine KritikerInnen in der Weimarer Republik“. In: Freiburg Postkolonial, 2009. https://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/2009-Heyn-Kolonialrevisionismus.htm (letzter Zugriff: 24.11.2025).
Kotowski, Mathias, Die öffentliche Universität. Veranstaltungskultur der Eberhard-Karls-Universität Tübingen in der Weimarer Republik, Stuttgart 1999.
Marcon, Helmut / Strecker, Heinrich (Hg.), 200 Jahre Wirtschafts- und Staatswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Leben und Werk der Professoren, Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Tübingen und ihre Vorgänger (1817–2002), Stuttgart 2004.
o.A., „Aus unseren Kolonien. Ostafrika“, in: Deutsche Kolonialzeitung vom 20.01.1906, 23 (3), S. 26, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialbibliothek/periodical/pagetext/7823894 (letzter Zugriff: 24.11.2025).
o.A., „Gouverneur Haber 70 Jahre alt“, in: Tübinger Chronik vom 29.09.1936.
o.A., „The wondering jew“, in: The Economist vom 10.06.1933, 116(4685), S. 1235–1236, https://archive.org/details/sim_economist_1933-06-10_116_4685/page/1234/mode/2up (letzter Zugriff: 24.11.2025).
Schönhagen, Benigna, Tübingen unterm Hakenkreuz. Eine Universitätsstadt in der Zeit des Nationalsozialismus, Stuttgart 1991.
Tübinger Chronik vom 01.10.1936.
Tübinger Chronik vom 03.10.1936.
Tübinger Chronik vom 05.02.1919.
Tübinger Chronik vom 22.05.1931.
Universitätsstadt Tübingen, „Beschlussvorlage: Umbenennung der Eduard-Haber-Straße, der Niethammerstraße und der Albrechtstraße 131/2023“ vom 24.05.2023, https://www.tuebingen.de/gemeinderat/vo0050.php?__kvonr=17135&smcmode=32832 (letzter Zugriff 24.11.2025).
Völkischer Beobachter, „Die deutsche Geisteswelt für Liste 1. Erklärung von 300 deutschen Universitäts- und Hochschullehrern“, Berliner Ausgabe 46 (63) vom 04.03.1933, S. 7. Gesamter Text verfügbar in: Universitätsarchiv Tübingen (Hg.), „… treu und fest hinter dem Führer“. Die Anfänge des Nationalsozialismus an der Universität Tübingen 1926–1934. Begleitheft zu einer Ausstellung des Universitätsarchivs Tübingen, Tübingen 1983.
Archivtexte
Staatsarchiv Sigmaringen (StAS): Wü 13 T 2 Nr. 2089/149, Entnazifizierungsakte Eduard Haber.
Stadtarchiv Tübingen (SAT): A150/3275: Benennung der Eduard-Haber-Straße.
Stadtarchiv Tübingen (SAT): E10 N.187.09 Fotoalbum der Familie Haber.
Universitätsarchiv Tübingen (UAT): 126/234, Personalakte Eduard Haber.